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ohn
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Re: Krasses Forum...

21. Apr 2014, 09:52

Joa, das ist ja im grunde nichts neues. Bei leichten bis mittleren depressionen ist die wirksamkeit laut studien mit placebos vergleichbar. Nicht jedoch bei schweren depressionen und angststörungen.
Generell kommt man aktuell von dem paradigma weg, dass depressionen zwingend etwas mit dem serotoninhaushalt zu tun haben müssen. Abgesehen davon ist das wohl auch sehr, sehr individuell. Das sieht man ja auch schon daran, dass man in keiner weise verallgemeinern kann, ob ein bestimmtes AD bei patient x anschlägt, wenn es schon bei patient y mit ähnlicher symptomatik angeschlagen hat - trotz ähnlichen / gleichem wirkmechanismus. Fakt bleibt aber, dass die ssri's schon millionen menschen den arsch gerettet haben. Schwere depression ist halt eine krankheit, die nicht selten tötlich endet. Das vergessen menschen wohl oft, wenn sie psychopharmaka grundsätzlich verteufeln.
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Re: Krasses Forum...

22. Apr 2014, 13:18

Also zu erst mal, ich wollte Psychopharmaka nicht generell verteufeln, eher meine eigenen, eher schlechten Erfahrungen mitteilen, wenn auch vielleicht auf eine etwas polemische Art.
Lebensverkürzende nebenwirkungen.. Hast du da mal beispiele?
Zum Beispiel, die zunehmenden Selbstmordgedanken beim Beginn der Behandlung mit Antidepressiva, viele wurden ja deshalb vom Markt genommen. Oder Gewichtszunahme, Übergewicht ist ja schon ein großes gesundheitliches Problem in den Industrienationen.

Ich finde die Nebenwirkungslisten in der Packungsbeilage sprechen auch eine deutliche Sprache:

http://www.apotheken-umschau.de/do/exte ... 96571.html

Blutgerinsel (ok, in den Venen, vielleicht sind die da weniger gefährlich...) und Symptome die "Hinweis auf einen Schlaganfall" sein können klingt doch ziemlich bedrohlich.

Also, die Frage ist ja wahrscheinlich weniger, ob Psychopharmaka nicht das Leben irgendwelcher MEnschen verkürzt haben sondern eher, ob die Nebenwirkungen es Wert sind in Kauf genommen zu werden...
Selbstverständlich unterdrücken antipsychotika psychotische symptome, dafür sind sie ja auch gemacht. Leider weiß man noch nicht allzuviel über die biochemischen ursachen von psychosen und kennt bisher nur relativ "breit" wirkende, dämpfende antipsychotika, die dann eben alles dämpfen, nicht nur die psychose. Für die betroffenen nicht selten eine riesen erleichterung.
Ich weiß, dass es für viele eine riesige Erleichterung ist. Andere setzen die Medikamente aber auch so schnell wie möglich ab...
Ja, total inspirierend so eine schwere psychische krankheit, die verhindert, dass die betroffenen ein normales leben führen können. Ich glaube, du hast überhaupt keine vorstellung davon, wie die betroffenen leiden. Das ist kein vorrübergehender psychedelischer zustand, den man einfach mal fließen lassen sollte. Das ist eine schwere krankheit. Frag mal in einer psychiatrie, wie inspirierend schizophrene ihre krankheit finden. Sollten diabetiker deiner meinung nach auch einfach mal alles frei fließen lassen, weil der insulinmangel so inspirierend ist?
Das Problem ist ja, dass das, was du als "normales Leben" bezeichnest aus meiner Sicht gerade die Katastrope IST. Und nach Maßstäben wie Artensterben, Klimaerwärmung, Abschiebung von Flüchtlingen, Verteilung von Menschen in Mächtige und Ohnmächtige generell auch. Ich sehe eigentlich niemanden, der das Recht hat zu bestimmen, was ein funktionierendes Leben ist, weil das, was funktioniert einen so hohen Preis hat. Inspirierend finde ich also gerade die Disfunktionalität, etwas das unmöglich nutzbar bzw. verwertbar gemacht werden kann.

Kann ich denn überhaupt fragen, wie inspirierend Schizophrene ihre Krankheit finden? Meistens ist die Sicht auf die "Krankheit" doch ziemlich anders als die des Umfeldes... Und Paranoia zB. umfasst ja oftmals philosophische, psychologische, politische und soziologische Probleme und wirft Fragen auf. Fragen, die sich eine Gesellschaft nicht stellen darf, weil sie hinter der inneren Koheränz ihres Wahns (die Organisation von Arbeit und Freizeit, was ist Spaß, wie kann das Leben Sinn machen, was sind meine Pflichten usw.) den Abgrund der vollkommenen Willkür erahnt. Angenommen ich bin gleichermaßen zufrieden mit Freud und Leid, Leben und Tod, wer kann mich noch fesseln, wem würde ich noch gehorchen?

Nicht dass der Wahnsinnige diesen Zustand erreicht hätte (ich glaube aber, viele haben ihn erreicht), aber er bildet doch einen Gegenstandpunkt zum gesellschaftlich verordneten Wahnsinn. Imo müsste die Gesellschaft kollektiv (nicht nur ein paar Leute, die Trips schmeißen oder sich mit Zen auseinandersetzen) den Punkt dieser vollkommenen Willkür erreichen um von da aus einen gesunden Wahn aufzubauen, der sich seiner selbst bewusst ist. Ich habe wertvolle Lektionen gelernt von psychisch Kranken, die ihre Medikamente gerade nicht nehmen wollen und teilweise leider auch so handeln, dass ich mich frage, ob das ihrem überleben zuträglich ist.

Wenn aber die alternative Überleben durch Leistungszwang und verordneter Hedonismus ist, der mich persönlich immer nur traurig macht, was ist dann wichtige Überleben oder wirklich zu Leben?
Auch hier wieder: du schreibst zwar, dass du selbst mal citalopram probiert hast (wie lange?), also eigentlich eigene erfahrung mit depression haben müsstest, aber es fehlt wieder völlig am verständnis für die thematik: Wenn jemand eine schwere depression hat, dann ist das nicht selten mit einem derartigen leidensdruck verbunden, den du dir sicherlich nicht vorstellen kannst. Es ist häufig so, dass menschen in einer schweren depression ohne AD gar nicht in der lage sind, ihr leben umzugestalten.
Nur 2 Wochen. Sicherlich zu kurz, aber mein ganzer Körper hat "nein" gesagt. Ich weiß nicht, ob ich die Problematik verstehe, ich nehme das Leben eigentlich oft als Inferno wahr, dass aus Dingen besteht, die ich nicht will und bin mir sicher, dass früher oder später auch (alle) anderen Menschen verstehen werden, dass es nichts als die Hölle und die Gnade durch Schlaf oder Tod gibt. Aber ich bin für diese Einsicht "Leben ist Leiden" dankbar, das war nur durch die "Krankheit" möglich, kein Trip und kein menschliches Wissen hätte mir das vermitteln können.

Es tut mir grade fast schon leid, mich so generell gegen die ADs ausgesprochen zu haben... ein guter Freund von mir hatte genau das, immer wieder Psychiatrie und zwischendurch tagelanges rumliegen im Bett, für nix zu begeistern, für keine Ratschläge oder Einwände empfänglich. Vielleicht hat ihm irgendeines der Medikamente, die er durchprobiert hat, geholfen, von den meisten, meinte er, hat er gar nix gemerkt. Die Entscheidende Veränderung kam aber durch eine Frau. ;)

Edit: Das Problem mit dem ganzen "Depressions"-ding ist auch, dass ich halt nur meine eigene Erfahrung habe und nur mein eigenes Maximum an Schmerz, Antriebslosigkeit usw. kenne. Gibt bestimmt viele Leute, denen es schlechter geht/ging als mir, gleichzeitig glaube ich schon, dass mein Leben "ohne" um einiges erfolgreicher und zumindest nach außen glücklicher wäre. Andererseits glaube ich auch Quellen endlosen Glücks in mir selber auf der Spur zu sein.
Abgesehen davon, dass ich deine erfahrungen ("aufziehpuppe") nicht nachvollziehen kann, derändern drogen wie ketamin/mxe wohl wesentlich stärker den charakter auf "abnorme art" als ein AD, auf dem man sich - nach der schwierigen einschleichphase - einfach nur "normal" fühlt. Ich will damit nicht sagen, dass die heutigen ADs der weisheits letzter schluss sind, aber momentan eben noch das beste, was wir haben. Die verschreibungsgewohnheiten heutiger ärzte finde ich jedoch auch völlig verantwortungslos. Das sind medikamente, die nur verschrieben werden sollten, wenns nicht anders geht (und das ist bei schweren depressionen + angststörungen leider häufig der fall).
Mit Aufziehpuppe meine ich, dass ich mich in Situationen anders, "normal", verhalten habe, die ich ohne den Einfluss anders gestaltet hätte. Ja, die Verschreibungswut ist das Problem. Ich wollte nicht meine Erfahrungen verallgemeinern und sagen, dass das bei jedem so ist... Naja, Keta/MXE, hängt sehr von der Dosis ab, oder? Also niedrig dosiert ist da bei mir nur ein leichtes "komischfühlen", ich kann mich aber verhalten und bin aufnahmefähig wie immer... Also, weiß ich auch wirklich, weil ich in Vorlesungen gegangen bin und dann Prüfungen über den Stoff geschrieben...
Auch hier wieder: böse, böse pharmaindustrie. SIE wollen unsere kinder mit ihren drogen zu angepassten arbeitstieren machen. Pubertäres hippiblabla in meinen augen. Schöne neue welt lässt grüßen.
Nein, SIE gibt es nicht, das sind wir alle. Das Problem ist nicht, dass es eine Verschwörung von Menschen gäbe sondern dass es eine Verschwörung der Form gegen den Inhalt, der Quantität über die Qualität des Denkens gegen den Denker gibt. Und die gibt es halt offensichtlich, anders lässt sich in meinen Augen nicht erklären, dass sich die Menschheit so zerstörerisch verhält und es gleichzeitig weiß. Dass "Sachzwänge" auf einer abstrakten Ebene wie Länder, Geld oder Arbeitsplätze (was bitte ist Arbeit?) über Leben und Tod von Menschen bestimmen.

Nicht vergessen: nur weil man paranoid ist, heißt das ja nicht, dass sie nicht hinter einem her wären ;-)
Sie sind nicht hinter uns her, wir kommen zu ihnen, weil wir Geld und Arbeitsplätze brauchen. :joint:

Edit: Teil meines pubertären Hippieweltbildes ist es aber auch, dass es kein "ihr" und "sie" mehr gibt, die Rollen in diesem Spiel sind komplett auswechselbar geworden. Es gibt nur noch die Sachzwänge...
Meiner meinung nach fängt das leben erst an, glücklicher zu werden, wenn man den kampf gegen das leben aufgibt. Aber das ist wohl hier etwas offtopic ^^
Naja, aber an dem Spruch "von nichts kommt nichts" ist doch auch ne Menge dran.

Aber bei mir läuft ohne Kampf gar nix, wenn ich nur fließen lassen würde, würde wahrscheinlich gar nichts mehr funktionieren... aber trotzdem gut, dass du mich erinnerst, vielleicht sollte ich es nochmal versuchen... gleich JETZT. :D

An dem was ich geschrieben habe geht auch vieles in andere Bereiche, finde ich eigentlich gut, sonst müsste man über Statistiken diskutieren und wieviel Leute sich im einzelnen durch Behandlung xy besser fühlen, das ist zwar wichtig aber im Rahmen von so einem Forum doch ein bisschen trivial...

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