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Yagé
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

19. Nov 2009, 20:15

hiob hat geschrieben:ausserdem haste ne biopolare störung.
Von wegen bipolare Störung. Ich bin vielleicht ein Hypochonder, aber ganz bestimmt nicht bipolar.
Und noch was: für dich empfinde ich nichts als bitter-süße Hassliebe. :herzen:

:bussi:

So, und jetzt seid weiter in eurem Element. :bow:
Zuletzt geändert von Yagé am 19. Nov 2009, 21:47, insgesamt 1-mal geändert.
Die Realität ist Spiegelbild der Seele; wird nun das Innere verzerrt, so verschieben sich auch die Wesenszüge der Wirklichkeit.

hiob

Re: Ein zweckgebundenes Chaos

19. Nov 2009, 20:39

ok.ok. schatzi.
ich kenn nur das von dir, was du hier im forum geschrieben hast und will aus einer mücke natürlich keinen elefanten machen....
ich hoffe nur....
es brettert dich nicht allzu sehr, wenn du dich wirklich selber erkennst eines tages.

Bild


im übrigen gehören autoren mit persönlichkeitsstörung mit zu den kreativsten und meinen verehrtesten.

h. hesse....chronisch depressiv
e.a. poe....manisch-depressiv (= pipolare störung, die ihn das leben kostete).
w.s. burroughs....schizoide störung
f. kafka....schizoide störung

um nur einige zu nennen.

hiob

Re: Ein zweckgebundenes Chaos

21. Nov 2009, 18:24

Die Texte, die ich zu Anfang schrieb, entsprechen durchaus dem was ich denke und fühle. Aber daran richte ich mich nicht zugrunde. Ich leide möglicher- aber auch notwendigerweise daran, genieße aber das Leid als eine (Ab)art des Lebens. Ich liebe und hasse diese Gefühle, gleichsam wie ich Leidenschaft und Sehnsucht genieße. Es ist eben ein inspirierender, antreibender Teil meiner Person.
na, dann veröffentliche sie doch in folgendem forum, wo sie zweifelsohne auch hineinpassen würden....imho:
http://www.bipolart.de/bipolart_de/projekt.htm
:D

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Yagé
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2. Dez 2009, 14:31

Soeben spuken Geister in meinem Kopf umher und stellen mir merkwürdige Fragen. Sind diese Geister ein Produkt meiner Sinne... oder sind sie gar nicht existent ?

Sie fragen mich: Ist ein Kompromiss in der Zielsetzung gerechtfertigt?
Sollte man seine Träume schmälern um einen realen Weg zu begehen oder wäre es introspektiv heuchlerisch seine Träume zu materialisieren?
Ist die Substanz, aus der Träume gemacht sind, auch in der Realität existent oder besteht ein inkongruenter Zwiespalt zwischen der schemenhaften Welt unserer Vorstellung und der realen Inszinierung dessen, was wir für richtig halten?
Ist es nicht unsinnig den Traum als Fantasiewerk wach zu halten und ihn mit den kommenden Jahren dahin schmelzen und sterben zu sehen?

Sollte man diesem omnipräsenten Gefühl uneingeschränkt folgen, das Innere trotz Widrigkeit zum obersten Leitfaden ernennen und die Absurdität ignorieren, die alle potentiellen Wege mit einem traumhaften Schleier bedeckt?
Oder ist der Traum, den ich vor Augen habe, einem Traum entsprungen der sich Leben nennt?

Wo ist die Grenze zwischen der Welt, die alleine meinem Kopf zueigen ist und jener, die mir von der Außenwelt aufgedichtet wird? Sind denn nicht beide trügerisch, zauberhaft, wandelbar, verzerrt und verwoben, real aussehend, klar wirkend, doch in sich vollkommen abstrakt und unbestimmt?
Soll ich Idealen nacheifern, die in der einen Welt existieren - in der anderen nicht; in dessen erhabenem Gefühl ich mich täglich sonne, doch an dessen Höhe und Mächtigkeit ich zweifeln und scheitern muss?

Wo trennt mein Lebensweg zwischen Illusion und Realität, zwischen Traum und Hoffnung, zwischen Sehnsucht und Möglichkeit? Wo sind die Personen, die diesen Weg gingen? Sind es die gescheiterten Existenzen, die über ihr leidliches Schicksal schwadronieren oder sind es stille Götter, die sich im Licht der Einsamkeit sonnen?

Basiert dieses unsagbar sichere Gefühl in mir auf einer Täuschung, die mich hinterrücks überfällt, ehe ich merke das es zu spät ist, umzukehren... ?
Vielleicht sind es ja die bösen Geister, die um meinen Kopf spuken; die mir glaubhaft vermitteln, die Erde bestehe aus mehr als die Anzahl und Zusammensetzung ihrer Elemente; das Hirn sei zu mehr fähig, als einer komplexen Idee; die Träume seien Wegführer durch das Dickicht des Ungewissen... vielleicht... doch was wenn nicht ?

Hmm...
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Mao
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

2. Dez 2009, 19:27

Hallo Yagé,

erstaunliche Parallellen zu Fragen, die auch mich immer wieder beschäftigen und von der einen Antwort zu anderen und wieder zur nächsten schubsen.

Und eines ist klar. Ich kann dir keine Antworten geben. Ich habe keine.

Ein bisschen was mit dir teilen, dass kann ich aber. :)
Yagé hat geschrieben:Ist die Substanz, aus der Träume gemacht sind, auch in der Realität existent oder besteht ein inkongruenter Zwiespalt zwischen der schemenhaften Welt unserer Vorstellung und der realen Inszinierung dessen, was wir für richtig halten?
Beides ist irgendwie das Leben. Das Lebendingsein...

... selbst wenn es darin besteht, die Dinge, die da draußen, so wieder dem laufen, was wir fühlen, nicht zu mögen.
Yagé hat geschrieben:Oder ist der Traum, den ich vor Augen habe, einem Traum entsprungen der sich Leben nennt?
Ich glaube, dass ist es.

Letztendlich leben wir doch für die Momente in denen unser Lebenstraum für einen kurzen Moment zum Leben selbst wird. Wenn wir lieben, wenn wir überwältigt sind von der mysteriösen Schönheit dessen was vor unserem Auge vorbei zieht, wenn wir das Gefühl haben, gerade stiller Beobachter einer Geschichte zu sein die sich ohne eigenes Zutun dahinspinnt, eine Realität von unendlich möglichen ...
Yagé hat geschrieben:Basiert dieses unsagbar sichere Gefühl in mir auf einer Täuschung, die mich hinterrücks überfällt, ehe ich merke das es zu spät ist, umzukehren... ?

Das was wir fühlen ist da !
Eine Täuschung mag es sein.
Wir können diese Täuschung aber gegen ein anderes Gefühl und eine andere Perspektive auf, dass was (unser Sein) ist, ein-tauschen. ;)

:nixplan: ..... :2cents: ..... :strubbel:


peace


mao
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Yagé
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

6. Jun 2013, 21:26

Ein soeben verfasster Text, der meines Erachtens gut hier rein passt...
Ich grüße Euch herzlich und wage mich so einmal heraus aus der Position des stillen Mitlesers. :wink:

Im Schatten der Welt

Die Welt verbiegt und verdreht sich – immerzu und unaufhaltsam. Die Tage kommen und gehen, begrüßen sich und flüchten voneinander. Einmal in Trägheit und Langeweile verbracht, führen sie zu anderer Zeit in stürmische und regnerische Gegenden, mit emotionalen Entladungen und aufwühlenden Blitzschlägen. Angesichts des Wechselbads meiner Gefühle erscheint mir die Kontinuität der Außenwelt oft wie Spott und Hohn auf meine Person. Während in mir Welten entstehen und zerfallen, die reinigende Wiedergeburt mich stets von alten Gedankenmustern befreit und ich mich einer unvorstellbaren Welt gegenüber gestellt fühle, bleibt um mich – im Alltag, in der Gewohnheit, im routinierten Allerlei – alles, wie es schon immer war und wie es scheinbar immer hat schon sein müssen. So schnellen die Gedanken zurück zur Realität, verlassen Traumgebirge, Idealbilder, illusionäre Schöpfungen einer gänzlich anderen Welt; kehren zurück in die Muster der Realität, die fixen Gedanken, die Theorien und sachlichen Erklärungen einer von Menschen erdachten Welt. Doch in der Abkehr von der Realität, in der Objektivierung dessen, was uns alltäglich scheint, erkennt man erst die Absurdität, in welcher wir der Vergänglichkeit und Flüchtigkeit zeitlebens höchste Wichtigkeit beimessen.

Das Leben ist uns ein tägliches Labyrinth durch die verschlungenen Pfade des Verstandes. Zahlen markieren Wege. Theorien zeichnen neue Formen der Wahrnehmung. Weisheiten werden uns vor Augen geführt und verführen uns sogleich, diese als Teil der Realität anzuerkennen und – eingebettet in unser Gedankengerüst – zu integrieren. Ob diese Erkenntnisse nach einiger Zeit wieder verworfen, manipulativ aufgestellt und festgeschrieben werden oder tatsächliche Aspekte unseres Daseins beschreiben, ist beinahe nebensächlich. Die Wirkung entscheidet: Weisheit im Mantel einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Absicht zieht an den Fäden: Manipulation einer kollektiven Gedankenwelt. Was ist der Welt mehr zu entnehmen, als das, was in sie hinein gedichtet wird, was Jahr um Jahr den Verstand des Einzelnen sowie der Gesellschaft prägt, was durch abgeschlossene Bilder zu motivieren und zu richten versucht, ja beinahe versucht ist einer ganzen Zivilisation die Richtung vorzugeben?
Die Medien machen es deutlich. Sie zeichnen fehlgeleitet, durch Sensationen motiviert, von Psychologie beeinflusst, die Sicht auf die Welt; säen Ideen in die Köpfe der Menschen, bemalen sie künstlerisch durch Bilder des Schreckens, durch Zusammenhänge der höheren Art, durch Prognosen einer katastrophalen neuen Weltordnung. Doch genau dadurch wirken sie auf uns und verändern die Gedanken und Gefühle der Menschen. Plötzlich wird das Problem des Einzelnen ein Problem der Vielen, das Schicksal der Vielen zum Schicksal der gesamten Menschheit. Das Schuldbewusstsein wächst, ohne das aus dem ein wachsender Widerstand empor strebt. Mensch, Staat und Unternehmen agieren nicht auf direktem Wege, um ein definiertes Ziel zu erreichen, sondern auf Umwegen, um positive Resonanz zu erhalten – pressewirksam zu werden oder presseenthaltsam zu bleiben. Der Schein übernimmt die Rolle des Seins und verleitet zu einer dichten, durch Wegweisung der Wahrnehmung angereicherten Schale mit einem verdorbenen Kern, mit einem Kern, der Freiheit lässt für das wuchernde, doch unbemerkte Unkraut der Negation. So lange der Schein bewahrt, kann der böse Keim weiter wachsen. Und wenn die Schale einmal durchbrochen, besteht unter Umständen bereits eine derart vernetzende Abhängigkeit, das man der bösen Tat keine gerechte Folge zuschreiben kann.

Je tiefer ich nun blicke, desto ärger erscheint mir das Schicksal der Welt. Je mehr ich mich der Komplexität dieser Welt widme, desto stärker fühle ich die Ohnmacht im Innern angesichts der misslichen Lage. Die gestern noch zu heiß gekochte Suppe möchte schon heute niemand mehr essen. Der Skandal der Vergangenheit überdauert kaum die Gegenwart und verliert sich restlos in den Weiten der Zukunft. Nur das Prinzip übersteht unverändert die Schatten der Zeit. So ist sie. Die ewige Wiederkehr des Alten in immer neuem Gewand.
Doch was wird aus all diesen wunderbaren Momenten, in denen man die Welt augenscheinlich überwunden glaubt, in denen alles glänzt und leuchtet? Die Sonne neigt sich in glutrotem Gewand gen Horizont und hält für einen Augenblick die ganze Welt an. Alle Probleme scheinen verschwunden. Alle Konflikte scheinbar überwunden. Doch das Rad der Zeit beginnt sich erneut zu drehen, verweilt noch in der Nacht, doch führt schon bald herbei den neuen Tag. Und das wundersame Geschenk der Gegenwärtigkeit, welche so viele Menschen, in Bewusstheit, in Zeitlosigkeit, zu spüren vermochten – das unvergleichliche Licht, welches in der Welt die Schönheit ausdrückt – es entschwindet wieder in Vergessenheit, tief vergraben im Buch der Erinnerungen.
Die Welt ist so einzigartig schön, wenn man nur zu fühlen vermag, wenn man einmal nicht denkt, nicht bewertet, nicht vergleicht. Wenn man einmal das Wesen der Zeit ergreift und es sogleich vereint in der Energie des Augenblicks.

Die Welt ist so zauberhaft, wenn man einen Zugang hat zu ihr, wenn Widerspruch, Konflikt und Zweifel ihre Bedeutung verlieren und die Blume am Wegrand plötzlich zum wichtigsten Element der Schöpfung wird. Die Welt ist nicht von Menschen gemacht; vielmehr sind die Menschen aus ihr hervorgegangen. Mensch und Natur fügen sich zusammen, stehen im ständigen Austausch, bilden die Einheit des Ganzen, das Komplex der lebendigen Schöpfung. Nur durch die Unterwerfung, Formung und Einschränkung der Natur durch den Menschen, durch eine Trennung der Einheit bedingt durch unser Ich-Bewusstsein, entsteht das Leid, entstehen Traurigkeit und Verzweiflung. Nur wenn die Grundelemente des Denkens auf den Pfeilern des Egos, des Besitzes, der Gier und Fragmentierung der Welt stehen, kann eine Komplexität erwachsen, welche sich in einer unendlichen Vielzahl an Negationen niederschlägt. Und wenn ein Mensch in den Strukturen dieser Welt groß wird ohne dieselben zu hinterfragen, ohne an ihnen zu rütteln, ohne den Blick einmal nach außen zu kehren und eine Vorstellung für die vielfältigen, andersartigen Möglichkeiten dieser Welt zu entwickeln, dann wird er Tag um Tag auf den gepflasterten Wegen menschlicher Evolution spazieren, die keinen Sinn kennt, als die andauernde Entwicklung und keine Zukunft findet, als die stückweise Zerstörung der Welt.

Die emotionale Achterbahnfahrt, der man sich aussetzt, wenn man das ganze Konstrukt im eigenen Kopf aufzulösen versucht, ist nur Spiegelbild der Krankheit unserer Zeit und ist umso mehr notwendig, um die Welt endlich und endgültig zum Erwachen zu führen.
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

7. Jun 2013, 05:39

Danke, Yagé. :bow: Ich les dich so gern.
Yagé hat geschrieben:Die Welt ist so zauberhaft, wenn man einen Zugang hat zu ihr, wenn Widerspruch, Konflikt und Zweifel ihre Bedeutung verlieren und die Blume am Wegrand plötzlich zum wichtigsten Element der Schöpfung wird.
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

7. Jun 2013, 14:34

Echt ein schöner Text. Musste ich heute nochmal dran denken, als ich in der Stadt saß und einfach nur die vorbeigehenden Leute beobachtet habe.
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Yagé
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

3. Nov 2013, 19:27

Liebe Community,

auch wenn es mir mittlerweile so erscheint, als missbrauche ich diesen Thread lediglich als Sammlung meiner Texte, so möchte ich Euch meinen neuesten Text nicht vorenthalten. Vor allem weil er sehr stark von den Diskussionen aus diesem Forum inspiriert wurde.

„Ein Auszug aus dem Leben zugunsten des Einzugs in die Fantasie. Gedanken, die zu Papier gebracht, besitzen die Fähigkeit mich zu beflügeln, mich sehr weit weg zu tragen; über das Gewohnheitsgebilde hinaus, in die Ferne einer strukturbefreiten Welt.

Mich umgibt das alltägliche Einerlei. Wie in einem Laufrad gefangen, hetze ich der Ermüdung entgegen, bearbeite Themen und Aufgaben, die von der Zeit in Beschlag genommen werden und die in ihrer Präsenz eine viel zu große Wichtigkeit erhalten. Doch was bleibt, nachdem sich das Rad Tag für Tag weiterdreht, nachdem man all seine Energie in diesem endlosen Lebenslauf verliert?
Nur selten ist es mehr als ein Fußabdruck – eine Spur im Sand, die bald schon hinweg gespült wird durch die Wellen der Vergänglichkeit. Doch worin liegt das Ziel des Lebens, wenn Ereignisse und Abläufe einer immerwährenden Wiederholung obliegen, wenn auch die rote Linie im Laufe des Lebens irgendwann ihren Anfang wiederfindet?

Gerade in den letzten Tagen wird mir der Kontrast in meinem Leben sehr stark bewusst. Auf der äußeren Seite – in meinem Beruf – entwickele ich Entscheidungsgrundlagen und treffe finanzielle Abwägungen; Projektcontrolling, Budgetplanung und Abrechnungsmodalitäten drängen sich in den Fokus meiner Aufmerksamkeit, versuchen gar in mich einzudringen und von mir Besitz zu ergreifen. Sie versuchen meinen inneren Antrieb ab- und umzulenken, um mich voll und ganz dieser systematischen Struktur unterzuordnen. Ein maschineller Ablauf ausgeführt von Menschenhand. Ein komplexes Programm eingenistet im menschlichen Geist.
Auf der inneren Seite – in meiner Selbst – türmen sich gegenteilige Bilder auf: Bilder der Freiheit und Ästhetik, der Reinheit und Natürlichkeit, der Erkenntnis und Erfahrung. Ich sehe die Natur in ihrer vollkommenen Form; erblicke den Sonnenaufgang in einer Schönheit, die von keinem Dichter und Poeten je adäquat in Worte gebannt werden könnte; was bleibt, ist immer nur eine Abstraktion der Welt, die den wahren Zauber nicht widerzuspiegeln vermag. Neben dem Sonnenaufgang tummeln und schlängeln sich Krähen umeinander. Spielerisch versuchen sie sich zu necken und zu fangen und offenbaren dabei die authentische Seite des Lebens. Gleichsam sehe und erlebe ich in mir philosophische Gedankenstränge, die in ihrer kristallklaren Brillanz, die uns bekannte Welt aus den Fugen heben könnten und Konzepte für Ideen liefert, die eine gänzlich neue Weltanschauung zur Folge haben. Und dieses passive Netz aus Anschauung, Verstehen und Deutung umspannt die Welt mit meinen Gedanken. Plötzlich wird mir der verheerende Kontrast bewusst, der sich allmorgendlich in mein Bewusstsein drängt, doch mich dauerhaft unterschwellig durch mein Leben begleitet – der Kampf um die Zeit und Muße, der Streit zwischen gesellschaftlicher Verpflichtung und individueller Befreiung. In den besonnen Minuten eines jeden Morgens blühe ich auf. Ich stehe sodann am Bahngleis und lasse nicht selten ein oder zwei Bahnen an mir vorbeifahren, weil ich den Zauber des Augenblicks nicht enden, sondern noch tiefer in mich einsaugen möchte. Doch kaum endet der morgendliche Weg, ertönt der Ruf der Arbeit. Und ganz unmerklich verschwinden diese schönen Gedanken und Gefühle, verabschieden sich bis zum nächsten Tage und machen den tausend kleinen und großen Herausforderungen einer von Menschen erschaffenen und zum Erhalt verdammten Welt Platz.

Dabei kommt es mir immer so vor, als läge in eben jenen Erkenntnissen des Morgens die Fähigkeit begraben, das alltägliche Einerlei zu unterwandern; als läge darin die Macht verborgen, das dem Selbstzweck dienende System in sich aufzulösen. Die Arbeit, wie wir sie bestreiten, gleicht einem Spiel mit all seinen Facetten: die Zufälligkeit des Schicksals, die strategischen Entscheidungen zur Erreichung eines Ziels, die vielen Mit- und Gegenspieler, die Stärkeren und Schwächeren, die Gewinner und Verlierer. Manchmal glaube ich, der Mensch habe nur vergessen, dass dies alles immer noch einem Spiel entspricht, komplexer und weitreichender als jede Schachpartie, zufälliger und unberechenbarer als das einfache Würfelspiel, im Kern jedoch immer den aufgestellten Spielregeln genügend, die zur Erreichung der gesetzmäßigen Ordnung vonnöten sind.
Doch wie schaffen es diese Schlüsselgedanken zur Herrschaft über dieses Spiel? Der von mir beschriebene Morgen verleiht mir die Weitsicht, die Strukturen und Handlungsabläufe zu durchblicken; in dem Moment kommen mir gar viele der Menschen wie Marionetten einer höheren Ordnung vor. Doch kaum integriert mich das Spiel als einen seiner Mitspielern, verliere ich den Blick von oben, die Distanz zum Geschehen; sodann bin ich selbst kaum mehr als eine Spielfigur auf diesem Brett des Lebens.

Doch in mir tut sich Hoffnung breit. Eine neue philosophische Besonnenheit ist in mir eingetreten und beflügelt mich durch einen andauernden Fluss der Erkenntnis. Vor wenigen Wochen habe ich mir die zuletzt erschienene GEOkompakt-Zeitschrift gekauft. Dabei geht es um das Thema „Unsere Sinne“. Und durch die ausführliche Erläuterung der Wahrnehmung historischer Lebewesen, tierischen und pflanzlichen Lebens sowie menschlicher Kinder und Babys wurde mir bewusst, wie variabel unsere Welt doch ist; vielmehr noch: dass unsere Welt nur eine von vielen Erscheinungen ist, die nur aus dem Grund für uns solche objektive Gültigkeit besitzt, weil die meisten Menschen in ihrer Wahrnehmung übereinstimmen und dies mit Gleichgesinnten kommunizieren können. Aber sich vorzustellen, wie die Erlebniswelt einer Fledermaus aussieht, die sich nur durch akustische Signale in ihrer Umgebung orientiert oder gar den Versuch zu wagen, für den Menschen unbekannte Sinnesorgane anzunehmen (wie z. B. die Orientierung auf Grundlage des Erdmagnetismus, die Sichtung von Infrarotstrahlen), bringt einen unweigerlich an den Punkt, die objektive Gültigkeit dessen, was wir wahrnehmen, infrage zu stellen.
Von dieser sehr interessanten und unterhaltsamen Literatur bin ich einen Schritt weitergegangen und beschäftige mich seit einigen Wochen mit dem zunächst trocken erscheinenden Thema: radikaler Konstruktivismus. Diese philosophische Annahme geht noch einen Schritt weiter: sie überwindet die Variable der Sinnesleistungen und Wahrnehmungen, indem sie gar das gesamte Wissen, welches uns zu eigen ist, infrage stellt. Denn auch wenn die Welt uns gegenwärtig schlüssig erscheint und unser Wissen um die Welt gewissermaßen Ergebnis und Erfolg jahrhundertelanger Forschungen ist, so ist die Welt in letzter Konsequenz eben nur ein Weltbild, welches dem Menschen kohärent, also zusammenhängend und in sich stimmig erscheint. Die physikalischen Gesetze scheinen allgemeine Gültigkeit zu haben, denn sie lassen uns die Welt vorhersagen und Phänomene daraus ableiten und berechnen. Diese Gesetzmäßigkeiten dienen unserem Zweck und stehen in unserem Nutzen. Aber sind sie unumstößlich und gänzlich grundsätzlicher Natur? Belehrt uns die moderne Forschung nicht immer wieder eines Besseren?
Gibt es ein grundlegenderes Gesetz als das Gesetz der Kausalität: das alles im Universum eine Ursache hat? Wenn man weiter gräbt und die volle Bandbreite der Phänomene betrachtet, stößt man auf das recht neue Gebiet der Quantenphysik: diese offenbart uns die Existenz von Quantenteilchen, die scheinbar ohne eine Ursache unvorhersehbar auftauchen können. Auch das Phänomen Zeit wird regelmäßig aus den Fugen geworfen; denn Zeit vergeht, nach den Gesetzen der Physik, gleichmäßig, in einer regelmäßigen Abfolge von Zeitintervallen. Doch genau diesen widerspricht die psychologische Zeit. Ihre Eigentümlichkeit wird uns vor allem nachts bewusst, wenn wir, uns im Schlafe befindend, unvorstellbare Zeitsprünge machen, ohne dass wir von der verlorenen Zeit etwas wissen. Sicherlich kann man annehmen, dass das Weltbild temporär Lücken aufweist, welche aber durch neuere Forschungen und Erkenntnisse wieder berichtigt werden und vom Menschen auf diese Weise irgendwann ein lückenloses Weltbild mit objektiven Charakter erklären lässt. Dabei sollte man aber nicht außer Acht lassen, dass das Gehirn so aufgebaut ist, dass Lücken in den Erkenntnissen zwangsweise gefüllt werden müssen, damit das Gesamtbild schlüssig bleibt – somit also durchaus Wahrheiten für gegeben hingenommen werden, die nur noch nicht falsifiziert werden konnten, auf denen dann aber wiederum neue Wahrheiten begründet werden können.
Dem Menschen fällt es ausgesprochen schwer zu akzeptieren, dass eine Frage ohne Antwort bleibt, eine Unkenntnis nicht sogleich durch Erklärungen des Verstandes beseitigt werden können – er ist stets bestrebt, ein vollständiges Weltbild zu kreieren. Und das nicht nur im Erwachsenenalter: denn bereits Kleinkinder meinen, mit ihren naiven Vorstellungen von der Welt recht zu behalten. Oft argumentieren sie sogar vehement für einen Irrsinn, der sich als Produkt ihrer Vorstellung auftut, der erwachsenen Zuhörern aber nicht mehr als ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert.

Wenn man sich nun dieser Tatsache, diesem Zwang des Gehirns zu einem lückenlosen Weltbild, bewusst wird, sich dazu mit ausreichender Offenheit und Skepsis den in Stein gemeißelten Erkenntnissen und Wahrheiten der Menschheitsgeschichte annimmt, dann kann man den Faden tatsächlichen immer weiter spinnen und irgendwann zur Auffassung kommen, dass alles Wissen von Menschen konstruiert wird, dass die Welt viel mehr in mir existiert, als ich in der Welt existiere – dass Objektivität lediglich ein Gemeinschaftsgut ist, mitnichten jedoch einen Anspruch auf Wahrheit und Eigenständigkeit erheben kann. Damit möchte ich die Existenz der Welt um mich herum nicht infrage stellen. Ich sage jedoch, dass unsere Auffassung von der Welt eben genau das ist: unsere Auffassung. Und über unseren Tellerrand hinaus können wir nur schwerlich blicken; und die künstlichen Gerätschaften, die unser Wahrnehmungsspektrum erweitert haben, führten so manches Mal zu Entdeckungen, die zum gegenwärtigen Stand mit der allgemeinen Logik nicht kompatibel waren.

Wir leben in und ordnen uns durch die Bilder, die wir schaffen, die wir miteinander synchronisieren. Diese Bilder sind im Einzelnen oft individuell, in Gesamtheit jedoch für die meisten Menschen mehr oder minder stimmig. Die Bilder, die wir von der Welt konstruiert haben, beschreiben unsere Welt nicht nur - formen demnach nicht nur unser Wissen -, sondern beeinflussen gleichsam auch unseren Geist. Wir bauen diese Bilder auf und im Gegenzug wirken sie auf uns zurück.
Ich nenne mal ein einfaches und anschauliches Beispiel: wenn wir von einer bestimmten Weisheit oder Wahrheit überzeugt sind, facht dies eine Begeisterung in uns an und versorgt uns mit ausreichender Motivation, in diesem Themenbereich die Tiefe zu erforschen. Doch wenn wir bereits eine Überzeugung haben, beeinflusst diese Überzeugung wiederum die Selektion der Informationen, die von uns aufgenommen, als wichtig erachtet, verarbeitet und anschließend integriert werden. Wir integrieren leichter, was bereits zur vorherrschenden Meinung passte. Sicherlich haben es die meisten Menschen schon einmal erlebt, dass sie Feuer und Flamme für ein Thema waren, aber im Laufe der ersten Seiten eines Buches das Gefühl entwickelt haben, dass diese Beschreibung mit der ursprünglichen Überzeugung im Widerspruch steht; dass womöglich gar das Gegenteil behauptet wird, von dem, was man angenommen hat. Und in dem Moment tut sich unser Gefühl – mit direkter Auswirkung auf die Motivation – wesentlich schwerer, den Text weiterzulesen und den Widerspruch zu überbrücken, als wenn durch die Information das Bild unserer Überzeugung ergänzt würde. Überzeugungen, die wir haben, werden von uns unbewusst untermauert – wir sind also bereits vorbelastet und bauen uns auf diese Art und Weise ein immer größer werdendes Bild von ein und derselben, bereits anfänglich vorherrschenden, Überzeugung auf. Ich bin mir zwar bewusst darüber, dass sich Meinungen ändern können. Die geänderte Meinung muss erfahrungsgemäß jedoch zumeist ein hohes intellektuelles oder emotionales Gewicht haben, bevor sie das ursprüngliche Bild in unserem Kopf ins Wanken bringt.
Auf diese Weise kreieren wir sozusagen unser Bild von der Welt, untermauern es fortlaufend; dieses Bild beeinflusst aber wiederum unsere Motivation, unsere Reaktion, unsere Sympathien und Antipathien, unsere Gefühle und Gedanken. Und die meisten dieser sich in uns abspielenden Erfahrungen können von uns nicht bewusst mit den Bildern in Verbindung gebracht werden. Sie sind indirekte Folgen unserer Lebenseinstellung. So formt beispielsweise Religiosität unseren Charakter. Der Glaube an Gott und die 10 Gebote mündet in der Motivation, auf dem rechten Weg zu bleiben. Eine pessimistische Weltanschauung hingegen kann durchaus zu erhöhter Risikobereitschaft bis hin zu Leichtsinn und Suizidalität führen (z. B. infolge einer nihilistischen Weltsicht).

Wenn ich mir nun überlege, dass es womöglich gar kein objektives Wissen gibt, unsere Welt nur einem unglaublich stark geprägten Meinungsbild entspricht, mir gleichzeitig aber überlege, welche Auswirkungen diese Bilder auf meine Persönlichkeit haben, dann muss ich mich ernsthaft fragen, ob das Streben nach Wahrheit überhaupt gerechtfertigt ist? Wäre dann nicht die Wirkung eines Weltbildes viel entscheidender, als die vermeintliche objektive Richtigkeit? Spielt es eine Rolle, ob es Gott gibt oder nicht – ob diese Existenz im Zusammenhang oder im Widerspruch mit dem derzeit gültigen Erkenntnisstand steht? Was spielt das für eine Rolle? Vielmehr interessiert uns doch, wie sich dieser Glaube – dieses Bild – auf den Charakter auswirkt.
Vor kurzem habe ich in diesem Thread die für mich grundlegende Frage aufgeworfen, ob nun die materialistische oder die idealistische Weltauffassung ihre Daseinsberechtigung hat, ergo: ob es übersinnliche Phänomene gibt oder nicht. Meine Meinung war diesbezüglich ständigen Wandlungen unterworfen – ich las Bücher, die belegen konnten, dass es derartige Phänomene (wie Astralreisen, Geistwesen, Spüren einer fremden Identität oder Entität) eindeutig gibt. Beispiele dafür waren in Hülle und Fülle beschrieben worden. Andererseits las ich einige Zeit davor ein sehr gutes Buch über den Schamanismus, in dem die Autoren sich vorurteilsfrei dem höheren Geist des Schamanismus zugewandt haben. Schlussendlich wurde dieser Geist lediglich als sehr wirksamer Placebo-Effekt enttarnt. Was ist nun zu glauben – was ist richtig, was falsch? Insbesondere auch durch eure Feedbacks habe ich nun erkannt, dass letztlich die Frage nach Richtig oder Falsch – und damit auch die Suche nach der Wahrheit – bedeutungslos ist. Meine jeweilige Überzeugung prägt mich und meinen Charakter. Was wirklich hinter der Welt steckt wird vermutlich niemals zur Gänze erklärt werden können oder aber es wird wieder nur ein Konstrukt der von Menschen geschaffenen Wirklichkeit sein.
Die Welt existiert in meinem Geist. Das, was ich wahrnehme, was ich spüre, was ich von der Außenwelt erlebe, kann erst durch die Verarbeitung in meinem Gehirn real werden; erst die Synapsen meines Gehirns geben dem Sein ihren Sinn, erzeugen auf Basis von Informationen ein Bild der Außenwelt. Ändern sich die Verarbeitungsmechanismen – und sei es auch aufgrund von Defekten in der Neurophysiologie – so verändert sich auch das Bild von der Welt, ihre Bedeutung und demzufolge ihre Wirkung.

Und genau darin liegt für mich der Schlüssel zur Auflösung dieser konfliktreichen Strukturen. Ich lebe in einer Welt, die meinem Idealbild vollkommen widerspricht; und genau in diesem Widerspruch stecken all die Missempfindungen, die Leidensstränge, die Sehnsüchte und Hoffnungen. Leid entsteht durch einen Konflikt – oder sinnbildlich gesprochen: wenn ich mich nicht vom Fluss des Lebens tragen lasse, sondern eine andere Richtung anvisiere, wenn ich also Kraft aufwenden muss und massenhaft Energie verliere um gegen den natürlichen Strom des Lebens dorthin zu gelangen. Wenn ich demzufolge gegen den Strom schwimme, verliere ich Energie, die ansonsten anders hätte nutzbar gemacht werden können – ich blockiere mich demnach selbst. In meinem Umfeld sehe ich Menschen, die beruflich gesehen ein ähnliches Leben führen, damit aber augenscheinlich zufriedener sind und besser verfahren als ich es kann. In diesen Menschen entspricht das Idealbild ihrer Vorstellung von den Strukturen der Welt - und damit auch den tatsächlichen Begebenheiten. Der Strom des Flusses führt sie genau zu dem gewünschten Ziel: ob nun Karriere oder Familie. Hierbei ist es unerheblich, ob das Idealbild aus den tatsächlichen Begebenheiten abgeleitet wurde oder aber die Begebenheiten des Lebens auf Grundlage des eigenen Idealbildes verändert wurden (z.B. durch Jobwechsel, Umzug).
Wichtig ist, dass das reale Leben weitgehend mit der Vorstellung eines guten, gesunden und sinnvollen Lebens im Einklang liegt. Entweder man muss seine Vorstellung von einem guten Leben soweit modifizieren, dass sie zum eigenen Leben passt - muss davon aber überzeugt sein und sich auf kurz oder lang mit dieser Vorstellung identifizieren können –, oder aber man muss sein Leben derart verändern, dass es dem Bild seiner Vorstellung entsprechen kann.

Bedauerlicherweise kann man seine Überzeugungen nicht einfach den Begebenheiten anpassen und gewissermaßen zwischen den Bildern hin und her wechseln: das zeigt schon der berühmt und berüchtigte Placebo-Effekt, der im Moment der Enttarnung seine Wirksamkeit verliert. Zuvor jedoch entspricht er genau dem Bild einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Man glaube an die Wirksamkeit und unter diesen Umständen tritt sie auch ein. Wenn man aber glaubt, den Placebo-Effekt bewusst nutzbar machen zu können, stößt man auf die Unmöglichkeit, sein Bewusstsein austricksten zu können.
Letztlich muss man sich deutlich machen, dass die Fähigkeit zur Heilung in einem selbst steckt und nicht mit einem Trick reproduzierbar ist; es ist vielmehr der Glaube, der Unmögliches möglich werden lässt und nicht die Täuschung, die einen zum Glauben bewegt. Wenn ein Placebo-Effekt den Menschen heilen kann, dann gibt es auch den natürlichen Weg dorthin: der Weg des Glaubens, der inneren Überzeugung. Und dieser Weg führt zwangsläufig in und über die eigene Persönlichkeit, mit all den ungelösten Konflikten, verdrängten Problemen und nicht zuletzt mit der Gestalt des Egos, die durch die Gesellschaft aufgebaut wurde, mit der eigenen Identität aber möglicherweise nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Wenn man den Weg über diese Widersprüche und Konflikte wagt, wenn man sich mehr und mehr eingesteht, wer man im Kern eigentlich ist, wenn man sich dessen bewusst wird, welche Bilder einen prägen und wer einem diese Bilder in die Zukunft projiziert, dann kann man auch lernen, das gesamte Bildungssystem infrage zu stellen oder es zumindest maßgeblich zu beeinflussen.
Denn dass was mit dem Placebo-Effekt erreicht werden kann, funktioniert viel stärker noch mit rein geistiger und emotionaler Zufriedenheit, in der Suche nach einem Lebenssinn, in der Bestätigung für sein Tun und Wirken und in der Ruhe mit sich selbst. Das Bild vor den eigenen Augen muss mit dem Leben vereinbar sein, mit diesem harmonisieren. Man muss sich seiner eigenen Identität bewusst sein und wissen, was man von seinem Leben erwartet. Wenn sich das Leben in die Struktur des radikalen Kapitalismus eingliedert, man dadurch zum Glied in der Kette der Vielen wird, so kann dies für die Lebenszufriedenheit vollkommen ausreichend sein, sofern man es will.

Doch dazu muss man es zunächst einmal wollen. Und genau darin sehe ich ein großes Problem, welches sich viele Menschen aufgebürdet haben: sie wollen – bewusst oder unterbewusst – in Unzufriedenheit verharren, sich über die Welt beschweren. Die Beschwere drückt genau den emotionalen Kern des Wortes aus: man beschwert und belädt sich mit den Problemen der Welt und der Unzufriedenheit in einem selbst. Überall stoßen die Bilder der Ideale an die Bilder der Realität. Und genau in dem daraus erzeugten Leid sehen viele Menschen eine gewisse Sicherheit. „Dem Niedergeschlagenen tut man nicht weh.“ Und: „Der am Boden liegende kann nicht tiefer fallen, kann auch nicht enttäuscht werden.“; sich dem negativen Tal hinzugeben, fällt einfacher als stets und scheinbar nie enden wollend den positiven Berg zu erklimmen. Doch in dieser Negation verfängt man sich, erblickt irgendwann nur noch all jene Aspekte in der Welt, die zu diesem negativen Weltbild passen und es untermauern. Man achtet auf das Leid und fühlt sich darin bestätigt. Man erwartet nichts von der Welt und erhält infolgedessen weniger. Man versumpft in seinen Bildern und Gedanken und steckt irgendwann unvermeidlich in diesen fest. Erst wenn man dieses Weltbild überwunden hat und eine positive Motivation im Leben findet, kann man sich ein Bild von der Welt aufbauen, welches die eigene Existenz und damit die Empfindungen für das Leben positiv prägen. Und da schafft man es mit viel Geschick sich eben jene Welt zu konstruieren, in der man erhält, was man sucht und wonach man sehnt: sei es Ruhe, Abenteuer, Entwicklung oder das Gefühl der wohl bekömmlichen und nicht aufzehrenden Routine.“

Mit besten Grüßen,
Yagé :bow:
Die Realität ist Spiegelbild der Seele; wird nun das Innere verzerrt, so verschieben sich auch die Wesenszüge der Wirklichkeit.

n19
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

12. Nov 2013, 23:30

jo, so ist das. Insbesondere nach nem :joint: :blacklol:

Die Welt existiert aber nicht in Deinem Geist, sondern Dein Geist existiert in der Welt. In Deinem Geist existiert eine -nie vollständige richtige- Vorstellung der Welt.

Ausserdem: Job ist Job und Schnaps ist Schnaps (alte Weisheit zur Bewältigung der Berufstätigkeit).
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

13. Nov 2013, 08:38

n19 hat geschrieben:Die Welt existiert aber nicht in Deinem Geist, sondern Dein Geist existiert in der Welt.
Ist das so?!? :denk:
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

13. Nov 2013, 10:21

ins Tollhaus mit den Solipsisten! (Schopenhauer) :lol:
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

13. Nov 2013, 16:35

Niemand ist Solipsist, wenn er gerade in Hundescheiße getreten ist.
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

17. Nov 2013, 13:22

die welt existiert nur in deinem geist ^^
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Re: Ein zweckgebundenes Chaos

17. Nov 2013, 19:49

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